Mittagsstunde. In den Ohren.

Mittagsstunde.

Gehört.

Wie vielleicht schon ein paar wissen.
Und wenn es um deutsche Dialekte geht, ist Hören natürlich unabdingbar. Ganz ehrlich: Die Liebe zu den Hörbüchern ist nicht unwesentlich von Bayernkrimis beeinflusst. Als alte „Bulle von Tölz“-Liebhaberin, haben natürlich alle, die irgendwas auf Bayrisch sagen, sofort offene Türen bei mir gefunden 😉

Aber Platt?

Auch sehr gut.
Wenn gut geschrieben – herrliches Wortspiel für eine HÖR-Rezension.
Dörte Hansen weiß offenbar wovon sie spricht/schreibt. Wikipedia lässt einem wissen, dass sie offenbar ein paar Werke in diesem Duktus verfasst hat.

Ich habe schon „Altes Land“ gehört. Auch gut. Muss ich nochmals hören, vielleicht ist mir etwas entgangen, was ich bei der Mittagsstunde so genossen habe.
Vielleicht ist es aber auch Ingwer, die Hauptperson. Das uneheliche Kind, eines fast noch Kindes, das selbst ein Kuckuckskind war – und nicht ganz normal. Natürlich vaterlos. Ungefähr das Todesurteil eines jeden Dorfbewohners.
Aber der Dorfwirt, der, der das Kuckuckskind schon großgezogen hat, zieht auch das zweite Kind auf, das nicht seines ist.
Hansen nimmt einem mit auf die Reise in dieses kleine Kaff irgendwo hinter oder vor oder neben Kiel. Zeigt wie nichtssagende Dörfern mit ihren sehr kleinen Welten und den dazugehörigen Regeln im 21. Jahrhundert ankommen. Wie sich die Frauen emanzipieren. Was aber in den Dörfern nicht so rasend viel verändert: Die Frauen machen jetzt Führerschein. Und gehen auf die höhere Schule. Ob sie sich in der Familie behaupten, ist davon aber wenig beeinflusst. Ob eine die Hosen zu Hause an hat, oder nicht, ist nicht zwingend damit verbunden ob sie die Lizenz zum Autofahren hat. Wer Dörfer kennt, weiß darum.

Sie illustriert einzelne Familien und ihre Schicksale. Seelen, die an dem was einem das Leben serviert, zerbrechen. Und welche, die trotz widrigster Umstände es schaffen, Glück zu finden.
Und dazwischen der Wechselbalg.
Einer mit ganz vielen widrigen Umständen.
Der es auch ganz gut nicht schaffen hätte können. Aber der Support erfahren hat…“…der Ingwer mit Bestimmtheit langsam aber stetig Richtung Dorfausgang geschoben hat.“ Ingwer wird Professor für Frühgeschichte. Das wäre vorzeigbar. Abgehakt. Mit 48 aber noch in einer WG zu leben, die einer alten Hanse-Familie gehört. Geteilt mit der Tochter ebendieser Familie, die Sichtbeton-Architektin ist und sich in ihrer Lebensmitte noch an Seidenteppich und Maß-Dreiteiler ihrer Familie abarbeitet. Und als Dritten im Bunde einen gescheiterten Juristen ähnlicher Abstammung. Aufgegangen im Luxus-Segelyachtenbusiness, wofür es wohl kaum einen passenderen Wohnort gibt, als Kiel. Eine offene Dreier-Beziehung, seit 25 Jahren gelebt und einfach wie ALLE Beziehungen in die Jahre gekommen. Nur dass es jetzt ZWEI andere sind, die einem den Spiegel vorhalten, deren Eigenheiten man zum Kotzen findet und man sich überhaupt fragt, wie zum Teufel ist man eigentlich hier reingeraten? Ingwer erkennt das. Jetzt, wo seine Großeltern – echt und vermeintlich – zum Pflegefall werden und Ingwer sich ein Sabbatical nimmt, um die beiden Alten zu pflegen. Und er wieder in sein Jugendzimmer einzieht – und versuchsweise aus der WG und seinem Leben, in dem er es sich schon so gemütlich gemacht hat, aus: „Hier muss man nochmal ran.“
Allein für diesen Satz möchte ich Frau Hansen die Füße küssen.
Mittagsstunde ist ein leises Werk. Kein Spannungsbogen, der es einem unmöglich macht, das Werk aus der Hand zu legen – oder auf Stop zu drücken. Nein, es sind die Protagonisten, die einen fesseln. Deren Geschichte man erzählt bekommen will.

Und Ingwer, ein Leben in der zweiten Reihe. Weil das ist für einen wie ihn, schon mehr als andere an seiner Stelle je erreicht haben. Und der in der Mitte seines Leben findet, dass man da „nochmal ran muss“.
Und dass es schon ihn selbst braucht, wenn das was werden soll.

Ich wünsche allerfeinsten Genuss. Gehört oder Gelesen.

 

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