Umwege

Umwege erhöhen die Ortskenntnis.

Ein fantastischer Satz.
Und so gemacht für mich.

Der gerade Weg ist mir verwehrt. Egal wie sehr ich es gerne anders hätte. Ich kann es einfach nicht. Immer wieder komme ich vom Weg ab. Finde eine Nebenfahrbahn spannend, nehme eine Abzweigung, wo andere nach vorne schauen, schaue ich – gefühlt – überall hin, nur nicht nach vorne.
Im Moment ist mir das absolut nicht bewusst. Im Moment erkenne ich Chancen, Details, die andere nicht sehen. Aber mit etwas Distanz sehe ich natürlich den Preis dafür. Sehe ich die nicht erreichten Ziele, die nicht verwirklichten Möglichkeiten. Sehe ich all die Orte, an denen ich nicht wahr: Das Firmenjubiläum. Die Beförderung. Den Karrieresprung. Die Auszeichnung.

Und wenn ich das schreibe, erkenne ich vor allem etwas, das mit all diesen beruflichen Stationen verbunden ist: Sicherheit.

Und auch wenn ich als Teenager-Mutter den Druck verspüre eine finanzielle Sicherheit zu gewährleisten, hindert das mich nicht daran, mit Nebenwegen zu liebäugeln. Ja, genau das zu machen, was andere NICHT machen: Sich das Leben schwer. Denn auch das ist etwas, was ich resümierend eingestehen muss: Leicht mache ich es mir nicht. Es gibt Menschen in meiner Altersklasse, die haben schon Berufsjahre angesammelt, die werde ich wohl bei Pensionsantritt noch nicht haben. Und es gibt sogar Menschen unter diesen, die haben diese Berufsjahre in EINEM Unternehmen gesammelt. Haben niemals den Umweg gemacht. Haben im Vorfeld erkannt, dass es genau das ist: ein UMweg. Nichts, was sie ihrem Ziel schneller näher bringt. Sich am Gehaltszettel positiv niederschlägt. Nichts, was etwas für sie tut.

Und auch hier sehe ich vor allem die Nachteile, die ich mir selbst mit meiner Art Weg zu begehen, eingebrockt habe.

Und genau da, hat dieser Satz so gut getan: Umwege erhöhen die Ortskenntnis.

Davon auszugehen, dass ich mit 47 es noch schaffe aus mir eine brave Corporate-Maus zu machen, ist schlicht dumm.
Und mein innerer Anspruch an meine Intelligenz sollte mir jeden einzelnen solcher Gedanken in der Sekunde des Aufkommens am Horizont verbieten.
Ich ahne woher dieser unendliche Wille kommt, gleich zu sein: Der Umweg – mein Weg – ist einsam. Es begehen ihn nicht viele. Die anderen schauen komisch und selten will man so jemanden in der Gruppe haben.
Und ich will doch so gern dazu gehören. Will in meiner Gesamtheit akzeptiert werden. Und auch hier führt das Schreiben zur Erkenntnis: Und warum verlange ich von anderen etwas, was ich selbst nicht bereit bin zu geben?
Warum sollen andere meine Umwege positiv bewerten, wenn ich mich selbst dafür geissle?

Insofern führen die Umwege allesamt zu einem Weg: nämlich jenem, der über mich selbst führt.
Und ich fürchte auch hier glimmt am Horizont eine Weisheit, die mich nicht erfreuen wird: Bin ich bereit, diesen Weg zu mir zu gehen, könnte es sein, dass die Umwege weniger spannend erscheinen.
Hm…jo eh.
Mit solchen Weisheiten am Ende eines Jahres daherzukommen, drängt einem ja fast einen Vorsatz für das nächste Jahr auf. Und das nächste Jahr ist nicht nur ein Jahr. Es ist gleich ein Jahrzehnt!
Nach zwanzig Jahren Umwege könnte ich mich selbst zu mir einladen. Es wagen, die Umwege als Teil von mir zu sehen, mich als Ganzes zu sehen. 2020. Das Jahr des Weitwinkels.

 

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