Leithammel und Vorbilder

Mein berufliches Leben hat sich in den letzten Jahren mehrmals um 180° geändert, dass ich gar nicht mehr weiß, wo ich angefangen haben, das „unübliche“ Leben zu leben. Ich habe viel, sehr viel Interessantes erlebt. Und auch vieles, das dazu geliefert wird, obwohl man es nicht gebucht hat. Das Learning, dass Geld verdienen zum Leben, zum Erwachsensein gehört, ist auch dabei. Wer hier schon länger mit liest, hat die hoffnungsvolle Entstehung eines Eltern/Kindmagazins miterleben dürfen. Und den leider doch recht traurigen Abgang. Und meine völlige Verwirrung mit der ich aus dieser Situation aufgewacht bin. Und so gar nicht gewusst habe, was ich nun tun soll. Wer ich bin. Von was ich will, will ich gar nicht reden. Und ja, viele Ratgeber raten einem, solche Situationen einfach mal hinzunehmen. Auszuhalten. Und ja, wäre ich nicht an ein Leben gebunden, das die Versorgungspflicht für zwei Kinder mit sich bringt, inklusive finanzieller Verantwortung, vielleicht hätte ich dann die sprichwörtliche Auszeit genommen. Wäre nach Indien gefahren. Oder nach New York. Aber mein Leben ist eben so wie es ist. Und ich bin da geblieben. Und habe mich… wie man in meinem Land so schön sagt: „Durchgewurschtelt“.
Um heuer Anfang des Jahres festzustellen, dass das so nicht weitergehen kann. Es muss ein vernünftiger Job her. Für mich. Weil meine Pension durch Studium und Kinderpausen so mau ist, dass einfach jeder Cent notwendig ist. Und ja, ich habe sogar drei private Vorsorgen. Aus genau diesem Grund. Aber natürlich hier auch nicht die Mittel diese früheren Ausfälle zur Gänze zu kompensieren.
Aber viel, viiiiieeeeel wichtiger ist der Job für meine Rolle als Vorbild.
Was will ich, dass meine Kinder von mir mitnehmen? Meine Kinder sind Töchter und deshalb – ob sie wollen oder nicht – ob ich will oder nicht – orientieren sie sich wesentlich mehr an MEINEM Leben als an dem Leben ihres Vaters.
Deshalb ist es mir wichtig, dass sie mich als einen Menschen wahrnehmen, der imstande ist, für sich selbst zu sorgen. Finanziell unabhängig.
Das mag für andere Frauen weniger Antrieb geben.
Für mich ist das eine Kernkompetenz aller Menschen – für sich selbst sorgen zu können.
Es geht auch um andere Themen, wie, dass man seine berufliche Ausbildungen adäquat einsetzt. Das bedeutet auf gar keinen Fall, unbedingt den Beruf auszuüben, den man gelernt hat. Ich lebe in einem Zeitalter, wo ich miterleben darf, dass es jetzt Berufe gibt, die es in meiner Kindheit nicht gegeben hat. Aber egal ob ein Handwerksberuf oder eine universitäre Laufbahn, überall werden Eigenschaften gefordert, die einem zu einem angenehmen Teammitglied machen. Einem souveränen Arbeitnehmer.
Auch das Thema, wie man eine Beziehung über lange Jahre führt, fällt für mich in den Bereich der Vorbilder. Und nicht zuletzt auch, wie man selbst „gut“ altert. Für sich sorgt. Bis hin zu mit welchem äußeren Erscheinungsbild man all dies „verpackt“: Welche Signale setzt man nach außen, welche Label schnürt man um das Gesamtpaket.
Und ja ich weiß, als Kind muss man seine Eltern nehmen wie sie sind. Eine der schwächsten Rollen im Leben. Und in unserer oft so sehr reflektierten Welt ist wohl das auch mit ein Grund dafür, warum sich Eltern heute so „zersprageln“ um nur ja die perfekten Eltern abzugeben. Allen voran die Frauen. Wieder einmal…
Man kann es drehen und wenden wie man will, meine Eltern haben hier ein schönes Stück ausgelassen. Schon in meiner Kindheit waren sie nicht recht geeignet. Heute denke ich, sie waren einfach selbst völlig überfordert: Beide aus gescheiterten Beziehungen kommend, war vielleicht der Wunsch, es diesmal aber wirklich gut zu machen, überbordend. Meine Mutter noch dazu mit dem großen Ballast aus einer begüterten Bauerngeneration abzustammen, dort aber alle Erwartungen an sie enttäuscht zu haben – allen voran die, der heiß ersehnte männliche Erbe zu sein.

Mit einer ordentlichen Portion Überlebenswillen ausgestattet, habe ich es immer wieder geschafft, mich aus Situationen, in die ich mich aus Mangel an Führung immer wieder hineinmanövriert habe, auch wieder – hier haben wir es wieder – „herauszuwurschteln“. Und mit Führung meine ich jetzt nicht, dass meine Eltern es verabsäumt haben, mir Schlafenszeiten und Rocklängen vorzuschreiben. Allein, die Gespräche, die ich mit meinen Töchtern führe, habe ich das Gefühl – durchaus möglich, dass meine Erinnerung mich trügt, übersteigen bei weitem das, was ich mit meinen Eltern je gesprochen habe. Ich habe jetzt schon oft zu ihnen gesagt, dass ich das Gefühl habe, hier und da und dort als Mutter nicht so reagiert zu haben, wie ich es eigentlich von mir selbst erwartet hätte. Ich sage ihnen, dass ich dieses oder jenes wirklich völlig bescheuert finde, aber wenn sie davon überzeugt sind, es eben tun sollten. Sich selbst ein Bild machen. Und auch wenn es derzeit nur so Sachen sind wie „Pony schneiden – ja oder nein?“ Zunächst lang überlegt, ich schon völlig genervt von den Überlegungen, dann wird abgeschnitten und großes Unglück erlebt. Und ich stehe nur da und empfehle „Haube!“ Werde geschimpft, weil ich noch immer nicht kapiert habe, dass man in der Schule keine Haube aufsetzen kann. Und schließlich einfach umarme.
Es dünkt mich, es ist einfach die Anwesenheit. Die Erreichbarkeit.
Und ja, wenn ich das Leben meiner Eltern ein wenig reflektiere, erkenne ich schon, dass es einfach zuviel verlangt war, Verantwortung auch noch für mich zu übernehmen. Und dass ich ziemliches Glück hatte, unterwegs nicht abgeglitten zu sein.
Aber dass ich mir eben immer wieder ein Vorbild, eine Leitfigur gewünscht hätte. Eine echte. Ich habe mir diese immer wieder selbst gesucht. Aber nur in den seltensten Fällen konnte ich dann auch tatsächlich auf diese zugreifen. Mir ihre Meinung zu meiner speziellen Situation einholen.
Ja, die Krux an Eltern – sagen wir mal besseren als meinen – scheint ja zu sein, dass sie ihre Meinung auch ungebeten ständig „anbieten“. Da nehm ich mich als Mutter nicht aus. Auch wenn ich es schaffe, mir manchmal auf die Zunge zu beißen, so wird mir schon jetzt attestiert, dass ich durch meine Blicke niemanden im Zweifel über meine Meinung lasse.
Ob sich das ausgeht, dass meine Töchter, einmal erwachsen, mir ein besseres Attest ausstellen, als ich es bei meinen Eltern tue, wird sich zeigen. Dass ICH die bin, die manchmal eine Leitfigur bräuchte, wird sich auch mit größerer Anzahl an Lebensjahren nicht ändern. Auch mit 47 ist man mit Situationen konfrontiert, die neu sind, mitunter einem nicht angenehm (und ganz ehrlich: nur für diese braucht man ja Inspiration, wie man sie meistern könnte) und man null Plan hat, wie man damit umgeht. Und einen Haushalt mit zwei jungen Damen am Beginn der Pubertät zu teilen, ist nur eine dieser Situationen.

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