Barbara Neuwirth. Und ich. Und noch eine Handvoll andere.

Vorigen Freitag habe ich Barbara Neuwirth kennengelernt. Das ist jetzt nichts, was irgendjemandes Weltbild verändert. Außer vielleicht meines. Barbara Neuwirth ist eine österreichische zeitgenössische Schriftstellerin. Sie hat aus ihrem neuesten Buch über Helden vorgelesen. In der örtlichen Stadtbücherei. Ein Event mit überschaubarem Publikum. Die örtliche Stadtbücherei ist ein Herzensprojekt einer Frau, die ich sehr schätze. Trotzdem glänze ich an den von ihr initiierten Veranstaltungen eher durch Abwesenheit. Das Leben am Land ist eines, wovon man meinen könnte, wenn dann schon mal was passiert, würden die, die es gewählt haben, doch in Scharen herbeistürmen. Aber nein, weit gefehlt, das Leben am Land ist zeitintensiv, anstrengend und ob gewollt oder nicht, man ist mehr oder weniger auf die rudimentären Lebensinhalte zurückgeworfen: Gänseblümchen streicheln. Griller anheizen. Grashalmhöhe im Auge behalten. Nachkommenschaft herumkutschieren und einer beruflichen Tätigkeit in einer Entfernung nachgehen, wo anderorts schon das geographische Ende des Staates erreicht ist, tragen jetzt auch nicht dazu bei, dass man sich abends wieder findet und meint, nun ja, man könnte doch mal wieder kulturell und so. Ich mache da keine Ausnahme. Noch dazu selbst immer latent an der Grenze zum Künstlertum dahintaumelnd, verbringe ich die kostbare Freizeit dann lieber mit eigenen Schaffen. Oder dem dazu gehörigen Nachdenken.

Literatur-Flagship: Zuckerlgeschäft für ausgehungerte Landfrauen.

Jetzt habe ich sowieso ein neues Projekt, das da heißt: „Frau Wally sucht sich einen Job.“ Es ist noch mehr zeitraubend, es ist streckenweise sehr ernüchternd. Es ist auch schon mal erniedrigend. Und es ist kein Ende in Aussicht. Aber eine Station auf dieser Reise lies mich kürzlich im Thalia-Flagship aufschlagen. Nein, ich huldige Thalia natürlich nicht. Wie keinem Riesenkonzern. Aber ich denke mal, dass mit all ihren Untiefen die Literaturindustrie verglichen mit anderen Konsumgüterindustrien eine ist, wo die Ausbeutung der Beteiligten zumindest eine freiwillige ist. Man kann sich natürlich immer gegen schlecht bezahlte Schriftstellerverträge engagieren. Aber mich dünkt, Engagement gegen schlecht bezahlte Menschen in der Bekleidungsindustrie ist dringender nötig. Wie auch immer. Thalia-Flagship ist für mich wie Disneyworld für ein Kind sein muss. Ich möchte mich einfach nur mal hinsetzen, um diese Atmosphäre bis ins Knochenmark aufzusaugen. Es gibt praktisch, ja, ja ich weiß es ist Thalia, also sagen wir lieber oberflächlich betrachtet, kaum ein Themengebiet, das sich jetzt nicht buchregalmeterweise mir anbietet. Ja fast anbiedert. Ob Unkrautkultur oder Schamanismus, ob Bestellerlisten oder ein neuer, aber eigentlich uralter Trend aus Island, der einen Namen hat, den ich sofort wieder vergessen habe, aber sofern ich es richtig verstanden habe, diesem anderen neuen, aber eigentlich ganz alten Trend aus Schweden, dessen Namen ich nicht vergessen habe, nämlich Lagom entspricht, also diesem „nicht zu viel und nicht zu wenig“. Also egal worin ich mich vertiefen möchte, alles ist nur eine Armeslänge, maximal eine Rolltreppenfahrt entfernt. Und ganz sicher nicht „Lagom“. Ich habe es – gleich dem Kind im Zuckerlgeschäft – nicht geschafft ein Buch für mich zu kaufen. Dafür zwei für meine Kinder, ein Blick in die Zeitschriftenabteilung hat mich ob der Überfülle sofort flüchten lassen, also auch nicht „Lagom“.

Literarisches Mainstream-Bordell öffnet Blick für Regionalität.

Aber ich habe etwas berührt gefühlt in mir. Etwas, das Grashalme, Grillgut und Gänseblümchen verblassen lässt. Nämlich Nervennahrung. Futter fürs Gehirn. Und ja, man könnte auch Kultur dazu sagen. Und das hat mich an die facebook-Erinnerung denken lassen, die in der Früh aus der Stadtbücherei kam, und mich an die Lesung mit Barbara Neuwirth erinnert hat. Und plötzlich bin ich mir ein bisschen vorgekommen wie ein eigentlich treuer Ehemann, der einfach schon viele Jahre verheiratet ist und aus irgendwelchen Gründen sich  in einem Riesenbordell wiederfindet. Obwohl der Vergleich hinkt, ich bin kein Mann und war noch nie in einem Bordell. Egal. Ich hatte schlechtestes Gewissen und sofort beschlossen, dass ich wenn ich schon hier in diesem Mainstream-Literatur-Bordell verweile, ich quasi die Verpflichtung habe, heute Abend in die Dorfbücherei zu einer Lesung einer mir nur vage bekannten Schriftstellerin zu gehen.
Was ich dann auch getan habe.
Das Thema hatte für mich jetzt nicht überbordend viele Anknüpfungspunkte, aber ich sehe die Zeitgenössigkeit – gibt es das Wort überhaupt, also ich sehe das Zeitgenössische darin natürlich schon: Helden.

Barbara Neuwirth bekommt keine Panikattacken.

Barbara, die ich mir absolut und ganz und gar anders vorgestellt habe, lies sich huldigen, nahm Platz und begann zu lesen. Und wie auch immer man nun Heldentum interpretieren mochte, ich mochte, dass Barbara offenbar Sinn für Humor hatte. Schriftsteller in Österreich zu sein, ist bestimmt nicht leicht. Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek legen in einem gewissen Genre die Latte unerreichbar hoch. Und wer was auf sich hält, hält sich selbstverständlich nur in diesem Genre auf. Aber die Neuwirth schreibt von normalen Menschen in Satzlängen, die normale Menschen bewältigen können. Und bekommt offenbar keine Panikattacken, wenn irgendwann jemand laut lacht, oder zumindest ein Mundwinkel zuckt. Und wenn er oder sie noch so sehr in tiefstem Schwarz und mit schwärzester Intellektuellenbrille ausgestattet sei. Obwohl dies dank der aktuellen Mode kein Merkmal ist, weil die grade irgendwie jeder auf hat.

Im Lauschen ihrer Abhandlungen über Winnetou und Westernsendungen im Radio, überlege ich, dass ich eigentlich die Bücher am besten finde, die jetzt keine Beleidigung an meine Intelligenz sind, aber die es auch schaffen, Wortwitz, ja Witz generell einzubauen. Wo ich quasi unverhofft in meiner wohlwollenden Haltung Handlung, Personen und Orten zu folgen, irgendwo um die literarische Ecke biege und: laut auflache! Und ich überlege mir auch, dass das nicht oft passiert. Und während Barbara liest, schweifen meine Gedanken sogar noch weiter ab, dass überhaupt nur wenige Menschen mit Humor ausgestattet sind. Und es sogar so weit, dass ich zum Schluss komme, dass die Abwesenheit desselben offenbar für mehr und mehr einschlafende langjährige Beziehungen verantwortlich sein könnte. Ich frage mich, ob man Humor mit dem Alter verliert. Oder in der Jugend milder ist, gegenüber steifen, von sich selbst überzeugten, wehleidigen Charakteren?

Wer nicht dazugehört, darf nicht heikel sein. Kann aber lesen.

Ich weiß es nicht. Nachher lerne ich ein paar A-(eher nicht), aber vielleicht B-, ganz sicher C-Promis der (ost)österreichischen Künstlerszene kennen, die allesamt in den letzten Jahren zwei benachbarte Dörfer quasi aufgekauft und ihre ganz persönliche Künstlerenklave etabliert haben. Selbst nachdem die zu Ende gehende Weinverkostung im Anschluss an die Lesung einen Lokalwechsel impliziert, treffen dort wieder Vertreter dieser Gattung aufeinander und irgendwie habe ich das Gefühl, wie vor 25 Jahren in den richtigen Wiener Lokalen herumzuhängen: Egal wo hin man gegangen ist, es war irgendwie immer wer da. Dass es immer dieselben waren, hat das Zugehörigkeitsgefühl nur unterstrichen. Alles war gut. Glücklicherweise ist es Ostösterreich und nicht New York, die meisten leben noch. Der Zahn der Zeit hat durchaus genagt, an manchen mehr, andere haben bessere Gene. Ich lerne dann Barbara Neuwirth sogar persönlich kennen und beschließe ich muss unbedingt etwas von ihr lesen, vielleicht nicht das Heldending, aber irgendwas um zu schauen, ob sie wirklich Witz hat oder ihr das nur passiert ist. In echt hat sie durchaus eine geradlinige offene Art, die sie wohlwollend von den (Wannabe-)Artists abhebt. Vielleicht bin ich aber auch einfach nur total geschmeichelt, weil sie mit mir mehr als nur „Hallo“ und „Auf Wiedersehen“ gesprochen hat.
Ich habe nicht das Gefühl, dass ich „zurück bin“. Diese Künstlerszenen, die es im Wien der 80er gegeben hat und die weltweit durch Falcos „Ganz Wien“ bekannt geworden sind, waren nicht meine. Dafür bin ich zu jung. Aber auch in den 90er Jahren gab es in Wien interessante Szenen, eine war die der elektronischen Musik: Kruder Dorfmeister haben schon auch Musikgeschichte geschrieben. Und da hab ich ein winziges bisschen dazugehört. Also sagen wir so, ich wusste in welche Lokale man gehen musste. Die Vertreter dieser Szene haben aber einen anderen Landstrich auserkoren, wo sie ganze, sich mehr und mehr leerende Dörfer wochenends besiedeln. Pech für mich. Aber da sind wir wieder beim Land. Man darf nicht heikel sein. Ich nehm jetzt Barbara. Also zwischen den Buchdeckeln und geh lesen.

 

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