Michelle

Wenn Michelle Obama ein Buch über ihr Leben schreibt, dann kann das gar nicht anders als ein Bestseller werden.
Egal ob gut oder schlecht geschrieben. Niemand würde es wagen einer afro-amerikanischen gut gebildeten Frau, en passant auch die Ehefrau des Ex-US-Präsidenten, schlechte Kritiken zukommen zu lassen.
Das hat mich in erster Linie davon abgehalten das Buch zu lesen, als es heraus gekommen ist.

Dazu muss ich sagen, dass ich meistens Bücher höre.
Ich arbeite die meiste Zeit von zu Hause und vermisse tatsächlich etwas Ansprache. Musik kann manchmal gut sein, aber für mich nicht immer. Ein Hörbuch erschien mir eine wunderbare Möglichkeit meine Lust am Lesen, am Eintauchen in andere Welten, in dem Tempo in dem ich es mag – im Gegensatz zu Filmen – zu stillen, während ich zB: laufe. Das war der Beginn, heute höre ich Bücher wenn ich jede Art von stupiden Arbeiten erledige, die nur abgearbeitet werden müssen.

Also Michelle. Was soll eine Frau mir erzählen, die die First Lady Amerikas war?
Arroganter geht es wohl kaum.
Ich weiß nicht, welcher Ghostwriter hinter/vor/mit Michelle ihre Geschichte aufgeschrieben hat.
Literarisch gesehen ist es tatsächlich nicht fürchterlich anspruchsvoll. Deshalb empfehle ich unbedingt die englische Originalversion, denn ich nehme an, wenn das ins Deutsche übersetzt wird, hört es sich an wie diese grauenhaften Übersetzungen von Jamie Oliver, wo man ihn selbst im Hintergrund noch im Original hört und jemand versucht diese „super wie toll sind wir“ motivierende Stimmung in eine Sprache zu übersetzen, die sich für so eine Art von Sprechweise nicht so gut eignet und zum Schluss alles wirkt wie auf Überdosis Koks/Red Bull.

Das tut in diesem Fall aber wenig zur Sache. Es ist keine Fiktion, es ist ein Leben. Ein echtes.
Und allein Michelles Herkunft selbst – aus einfachen Verhältnissen zur hochbezahlten Unternehmensanwältin – und das mit ihrer Hautfarbe wäre schon Grund genug sie zum Aushängeschild für JEDE Womens Rights Bewegung zu machen.
Dass sie aber, schon bevor es medial gut ausgeschlachtet werden könnte, diesen Job an den Nagel hängt und sich für viel weniger Geld auf Positionen begibt, wo es darum geht, tatsächlich etwas zu bewirken, zeichnet diese Frau für mich aus.
Der Zugang zu Bildung ist essentiell. Das unterschreibt wohl jeder. Dass es aber Gebiete in den Industrieländern gibt, wo der SICHERE Zugang zu Bildung ein Thema ist, geht in den täglichen Newsmeldungen gerne unter. Und da geht es jetzt nicht um Terrorangriffe im klassischen Sinn. Es geht um Bandenterror, um Gegenden, die von (jugendlichen) Banden dermaßen terrorisiert werden, dass jüngere Kinder tagsüber, wenn schönes Wetter ist, nicht auf die Straße, geschweige denn zur Schule gehen.
Und auch wenn ich solche krassen Fälle aus Österreich nicht kenne, kenne ich doch Gegenden, wo es Schulen gibt, wo Eltern ihre Kinder lieber nicht hingeben. Wo die Sozialfälle Normalfall sind.
Aber ich kenne auch LehrerInnen, die genau dort arbeiten. Die wissen, dass sie nur einen Teil erreichen. Die aber alles geben, genau denen, die es wollen, die Hand zu reichen.
Und damit bin ich auch genau dort, wo es mir unter den Fingernägeln brennt. Wo ich am Weltfrauentag dicke Kabel am Hals bekommen. Nicht weil ich mich von den Männern unterdrückt fühle. Ich habe mit meiner komplizierten Karriere gar nie an irgendeines Mannes Stuhl gekratzt, geschweige denn gesägt, so dass ich irgendetwas wie eine gläserne Decke zu spüren hätte bekommen. Obwohl ich mir ganz sicher bin, dass es das gibt.
Nein, meine Wut und Bitterkeit setzt viel weiter unten an.
Dort wo meine Kinder aus dem Nachmittagsunterricht ohne Hausübung heim kommen. Nicht ausnahmsweise. Phasenweise immer. Weil das Kind eine schwierige Phase durch macht…. Oder sich drei zusammen gerottet haben und die 50 Minuten Hausübungsfenster für Interessanteres nutzten als Rechnen und Schreiben.
Ich fühle mich dann allein gelassen.
Weil ICH brauche das, dass wenn mein Kind um 17h nach Hause kommt, die Hausübungen erledigt sind. Weil wir beide – das Kind und ich – dann erschöpft sind. Weil ICH nach erledigtem Broterwerb noch die Mama-Management Position voll bekleiden muss. Und ja, ab und zu habe ich dann den Nerv mich mit einem quengelnden Kind hinzusetzen und die HÜ nachzumachen. Meistens nicht.
Meistens reicht es gerade noch für Wiederholen von zu Auswendiglernendem, Zubereiten von zumindest in meinen Augen halbwegs vertretbarem Essen, Wäsche- und Sauberkeitsmanagement.

Aber alle anderen Mums in der Klasse scheinen dieses Problem nicht zu haben. Weil sie entweder so gut gebildet und so guter Herkunft sind, dass sie so gut geheiratet haben, dass sie nun Vollzeit bei ihren Kindern zu Hause sind und es sie glücklich macht, wenn sie diese von früh bis spät managen können. Und wenn hier eine gewisse Bitterkeit durchschimmert, dann möge man mir diese nachsehen. Ich bin nämlich tatsächlich der Meinung, dass die schulische Nachmittagsbetreuung UNDBEDINGT  Kinder aus solchen Familien braucht: Weil die schulische Betreuung sich dann mit den Ansprüchen solcher Familien konfrontiert sieht: Englisch? Tschechisch? (5 km zur tschechischen Grenze und ein Tschechisch-Unterricht in der VS, der gelinde gesagt ein Witz ist) Zoo? Schwimmen? Wald?

Weil die Supermarkt-Verkäuferin, deren Kinder die eigentliche Klientel der Nachmittagsbetreuung ausmachen, froh ist, wenn die Kinder überhaupt betreut sind. Weil sie nicht die Stimme erheben wird, wegen der nicht erledigten Hausübungen. Und schon gar nicht, wenn die Kinder niemals in den Wald gehen oder ein Schwimmabzeichen machen.

Aber genau diese Kinder könnten enorm davon profitieren, wenn der Standard hoch liegt. So hoch wie nur irgendwie möglich. Wenn in den Kindergärten und Schulen und Nachmittagsbetreuungen nur das ALLERALLERALLERbeste zum Einsatz kommt.

Und für dieses Setting in den Köpfen braucht es nicht einen einzigen Cent an irgendwelcher Budgets. Da braucht es einfach nur den Willen, dass ALLE Kinder die besten Betreuung bekommen. Den Zugang zu den besten Bildungseinrichtungen erhalten.
Ich erlaube mir das zu fordern, weil ich es selbst erlebt habe: Dass in der Nachmittagsbetreuung zB: Zivildiener helfen oder es mehrmonatige Praktika gibt, die von jungen Leuten aus aller Welt besetzt werden. Und damit der Betreuungsschlüssel für diverse Aktivitäten stimmt. Dass ein Nachmittag im Wald verpflichtend ist.
Solche Sachen.
Die am Ende des Tages Heulszenen hervorrufen, weil das Kind NICHT abgeholt werden will.

Aber genau hier sehe ich genau bei meinen Geschlechtsgenossinnen sehr viel Unwillen. Der Graben, der die Gymnasiasten von den Mittelschülern trennt, soll schön brav genauso groß bleiben wie er ist.
Wir haben eh ein Lehrlingsproblem. Wo kämen wir da hin, wenn jeder maturiert?

Und das ist auch genau das, was mich an Frau Obama berührt hat. Dass sie sich mit diesen Fragen auseinandersetzt. Die mögen in den USA ein wenig anders gefärbt sein als bei uns. Aber in erster Linie geht es um Frauensolidarität.
Und die vermisse ich an vielen Stellen, wenn es zum Thema Kinder kommt.
Daher Weltfrauentag. Ja. Aber UNTER den Frauen. Zuerst.

Teilen mit: