24 Dinge, die mir 2018 gezeigt hat – 8. Dezember – Ich bin viele

Nun, das hat mir eher das Leben als 2018 gezeigt. Aber heuer lastet das schwerer als sonst auf meinen Schultern.
Seit ich denken kann, zeichne ich. Eigentlich schon vorher, wie angekritzelte Kochbücher meiner Mutter beweisen. Aber Grafikerin werden? Nein, lern was Ordentliches.

Also lerne ich schon seit ungefähr dreißig Jahren „was Ordentliches“. Dass es etwas in mir gibt, das damit gar nicht einverstanden ist, zeigen Schulwechsel, Schulabbruch, Schulwiederaufnahme, Studienpause, Studienwiederaufnahme, unzählige Jobwechsel und noch immer weiß ich nicht, was ich auf meine Visitenkarte schreiben soll, dürfte ich nur eine einzige haben.

Ich wollte unbedingt Journalistin werden, als ich begriffen habe, dass man, ist man erwachsen, einen Beruf haben sollte. Schon im Volksschulalter zog ich alte Magazine aus dem Papiermüll und ackerte mich durch wunderschöne Bilder. Das mit der Mode hat die Modeschule mir zumindest temporär ausgetrieben. Auch die Angewandte fand dass zu wenig Talent für Mode vorhanden sei. Oder zu wenig Motivation. Ich lies es nach der ersten Absage bei genau dieser bleiben. Und wählte Architektur. Auch Mode. Halt ein anderer Maßstab. Ein Studium weil ich damals mich in einem sehr gebildeten Haushalt oft aufhielt und mir sehr wohlwollend und unterstützend begegnet worden ist. Ich glaubte, was diese Menschen glaubten. Und die glaubten an mich. Eine schöne Erfahrung.

Dann kam die Gelegenheit zur Journalistin. Der alte Wunsch. Und ich wurde Journalistin. Dann wieder zurück zur Mode. Eine Kollektion. Eine Modenschau. Wir schrieben das ausgehende Jahrtausend. Alles war möglich. Bis die Dame von der Wirtschaftskammer kam und meinte, dass die Linie nur mich verkörpere. Und wieder war ich nicht eifrig genug, brannte ich nicht genug, als dass ich sie einfach hochkant rausgeworfen und einfach weiter gemacht hätte. Dann wurde ich langsam älter und merkte, dass da noch ein Architekturstudium abzuschließen wäre. Was dann auch passierte und das Leben als Architektin gefiel mir eine Zeit lang doch sehr gut. Aber ich war nicht mehr 25. Und schlafen auf dem Bürotisch kann man mal getan haben, muss man nicht, aber jenseits der 30 sollte man es irgendwann nicht mehr.
Dann kam der Bruder, der meinte, eine Stickmaschine wäre eine todsichere Investition und ich wäre doch kreativ und blablabla….
Ich hatte in der Zwischenzeit zumindest basismäßig rechnen gelernt und verstanden, dass 15€ Stundenlohn als freier Mitarbeiter nicht schlecht bezahlt waren, aber um auf die angestrebten 2000 € netto im Monat zu kommen, müsste ich erstens Mal in 11 Monaten pro Monat ca. 2500 € verdienen, damit ich mein Weihnachts- und Urlaubsgeld auch herinnen  und zumindest vier Wochen Urlaub habe. Aber ich muss ja meine Steuern und Abgaben selbst erledigen und Milchmädchenmäßig sollte ich zumindest ein Drittel meines Einkommens dafür beiseite legen. Also sollte ich 3250 € pro Monat verdienen. Und dann wären wir bei einer Wochenstundenanzahl von 48, die ich mindestens leisten müsste, damit sich diese Milchmädchenrechnung ausgeht. Krank sein ist sowieso nicht. Also ich merkte schon, viel verdienen verlangt nach viel Einsatz. Das war möglich, aber war das das Ziel? 
Die Stickmaschine klang zu verlockend.
Das waren dann fünf Jahre erstes eigenes echtes Unternehmen mit Gewerbeschein und pipapo.
Danach hatte ich zwei Kinder und die Nase voll vom klassischen Unternehmertum. Retour ins Architekturbüro, aber nur kurz um mit der Idee fürs kleinformat es noch mal wissen zu wollen.
Die Stunden, die dort reinliefen, waren bestimmt eher in der doppelten Menge der oben angesprochenen 48 anzusiedeln. Der Output war noch mauer. Ich bin mit vollem Karacho in die Kinderfalle getappt. Und die Kreativfalle gleich dazu.
Dann ist meine Mutter gestorben.
Und seither komme ich mir vor wie der Austronaut, dem sie die Nabelschnur gekappt haben: Ja, ich finde immer wieder Arbeit, die mich ernährt. Ich docke quasi an. Hole Luft, das Konto erholt sich auch wieder etwas, nur um festzustellen, dass was hier rein kommt, mich nicht glücklich macht. Weil die Atmosphäre an dieser Dockingstation schlecht ist, das Gehalt unter jeder Würde, die Behandlung schlimmer als alles was ich davor erfahren habe.
Die Irrfahrt wundert mich nicht. Ich weiß so was von nicht, wohin die Reise eigentlich gehen soll. Kunst? Grafik? Illustration? Webdesign? Video? Schneiderei? Marketing?
Den Job, der mich aushält, den gibt es nicht. Und am Land schon gar nicht.
Man kann daran schon verzweifeln. 
Man kann aber sich auch mal hinsetzen, und die Talente die einem in den Schoß gelegt wurden, dankbar annehmen. Das ist eine der Erkenntnisse von 2018. Ob mir das 2019 oder irgendwann jobtechnisch weiter hilft, weiß ich nicht. Will ich jetzt nicht weiter nachdenken. Muss mich auf die Dankbarkeit konzentrieren.

Am Adventrock gibt es nach soviel Lesestoff nur eine Kleinigkeit zu tun: Vlieseline aufbügeln.



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