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24 Dinge, die mir 2018 gezeigt hat – 6. Dezember – Likes

Gestern habe ich über die Unmöglichkeit sinniert, mal Fünfe grade sein zu lassen. Mal mit der Seele zu baumeln. Mal nichts zu tun.
Und wie ich das gar nicht kann.
Wie ich quasi ganz Zauberlehrling, die Geister die ich rief, gar nicht beherrsche. Das kreative Leben, das ich mir nicht anders vorstellen könnte, mehr und mehr mich lebt, als ich es lebe.
Ein Detail, das hier nicht übersehen werden darf, sind Likes.
Bewunderung durch andere. Bestätigung durch andere.
Ich bin keine Soziologin, aber ich denke vor zwanzig Jahren noch, als vielleicht gerade die ersten Eltern unruhiger Zappelphilipp-Kinder sich mit Begriffen wie ADHS  herumschlagen durften, hätte die Jagd erwachsener Menschen nach Likes und Followern so wie sie jetzt in aller Munde/Fingerspitzen ist, geradewegs dazu geführt, dass andere erwachsene Menschen sich mit ihren Fingerspitzen bestenfalls an die Stirn getippt hätten. Aber nicht mangels Smartphone, sondern weil einem ein derart aufmerksamkeitsheischendes Verhalten äußerst unangebracht erschienen wäre.
Heute sind wir weiter: Ohne Follower in zumindest Zehntausendereinheiten ist man quasi nichts wert, einzelne Posts haben ebenso zigtausende Likes vorzuweisen.
Mein kleines kleinformat-Magazin hatte in Zeiten als alle noch „Wir sind Blog“ spielten, phasenweise über 50.000 Zugriffe – MONATLICH wohlgemerkt! Und war damit am absolut aufstrebenden Ast. Es muss wohl da passiert sein, dass ich mich mit diesem Virus infiziert habe. Ich, Sonderling seit der Geburt, stets am Rande der Gemeinschaft, ob durch Zwei-Orte-Haushalt, Zahnklammer, Schulwahl, irgendwas passte immer nie.
Mein mir inne wohnender Zugang zu vielem und verschrobener Weg zu manchem an sich war da nicht förderlich. Als ich also mit 38 so wirklich in die Welt des Social Media eingetaucht bin und plötzlich Bestätigung von der ganzen Welt bekam, Bestätigung für etwas, das sich so von den anderen Sachen, die ich bis dahin mit Herzblut getan habe, gar nicht besonders unterschieden hat, war es um mich geschehen: Endlich wurde ich verstanden. Nicht nur das, ich wurde in Ländern verstanden, dessen Sprache ich nicht mal verstand. Ich wurde in Ländern verstanden, wo ich noch nicht einmal war. Und das Beste war: ich konnte das Verstehen in Zahlen ablesen. Andere konnten es ablesen. Ich hatte endlich den Beweis, dass mein Tun und Schaffen Sinn hatte und hat. Dass ICH sinnvoll war – und nicht, wie schon streckenweise immer wieder von mir selbst befürchtet, reif fürs Irrenhaus.

Eine Falle.
Schaffen die einen es durch die unglaubliche Kleinwerdung der Welt ein profitables Business basierend auf ihren – teilweise durchaus Orchideen-Leidenschaften aufzubauen, gaukeln Internet und www jenen wie mir vor, dass es nur genügend Likes und Content und Authentizität bräuchte um ebensolche Karrieren zu erleben. Und wer es nicht von selbst schafft, dem bieten eine ganz neue Generation von Business Coaches/ Entrepreneur Buddies die nötigen Courses an. Wahlweise online oder analog. Minimal Fee for this outstanding, only this time and never coming back course: niemals unter $ 2000.
Wer hier ganz sicher einen Reibach macht, das habe in der Zwischenzeit sogar ich begriffen.

Eine Generation vor meiner, hätte ich meine Tausendsassaqualitäten irgendwie priorisieren müssen, um mich – und das ganz im stillen Kämmerlein – zu einer Profession durchzuringen. Eine, die meine Miete zahlt, eine die auf meiner Visitenkarte steht. Und wenn mich nach 17 Uhr Arbeitsschluss noch nach weiteren Wegen des Ausdruck dürstet, hätte ich das gemacht, was ich jetzt auch mache, aber es hätte sich Hobby genannt. Und kein Hahn hätte danach gekräht.
Wer jetzt innerlich oder äußerlich aufschreit, dass es ja aber wunderbar sei, wenn man nun in seiner Berufswahl nicht mehr solchen Zwängen unterliegt, dem kann ich nur voll und ganz recht geben. Mit zwei Schulwechseln, einer Unterbrechung der Schul- und einer der Studienlaufbahn bin ich wohl das beste Beispiel dafür, wie für manche Menschen unsere Ausbildungs- und Karrieresysteme aber so gar nicht passend sind.

Nein, ich weiß keine Lösung. Aber ich spüre mehr und mehr, dass ich mich von Likes und Followerzahlen unabhängig machen muss. Sozusagen Like-Entziehungskur.
Dass ich mein Tun und Schaffen in allererster Linie nach dem ausrichten möchte, was MICH interessiert, unabhängig ob es jemand anderen interessiert. Dass mein innerer Anspruch das ausschlaggebende Maß dafür sein soll, ob etwas gut oder schlecht ist. Für mich.
Und letztlich dass ich ich mich als liebenswerte Person wahrnehme, völlig davon befreit, was ich tue und ob und wieviele Likes und Follower ich habe.
Wie das allerdings gehen soll, wenn ich es doch sehr wohl genieße mir den Content meiner täglichen bildhaften – meist designlastigen – Information aus den gerade kritisierten SM-Kanälen zu generieren, weiß ich schlicht nicht.

Inzwischen: Passepoilebänder nähen.

Die schräg zugeschnittenen Bändchen im rechten Winkel zueinander aufeinander legen und an den schrägen Kanten (45°) zusammennähen. Solange wiederholen bis man alle aufgebraucht hat.
Diese kleinen Nahtzugaben auseinander bügeln und dann die überstehenden Winzi-Eckerln abschneiden.
Leicht längs zur Hälfte bügeln.
Die Schnur in dieses halbierte Band legen.
Ganz knapp – mit Zippfüsschen! – die ganze Länge nach absteppen.

Job done für heute.
Kekse? Weihnachtsfilm? Egg Nogg? (Nikolaus… ?)

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