Enni Rock

24 Dinge, die mir 2018 gezeigt hat: 2. Dezember – 4 x soviel Zeit

Ich bin 46. Vor nur hundert Jahren wäre ich eventuell schon gestorben. Mein Leben ist nicht vom Tod bedroht, aber man könnte mir etwas Lebensweisheit zugestehen.
Ich mir auch.
Denn dann hätte ich die Erkenntnis „Nimm 4 x soviel Zeit, wie du glaubst, dass du brauchst, dann hast du einen Realwert.“ schon früher haben können.
Wenn man sich ganz kurz in Erinnerung ruft, dass ich ein Diplom in einem Beruf habe, der sehr viel von guter Zeitplanung abhängt (Architektur) lässt sich angesichts der Tatsache, dass ich MEINE Zeit wohl als slime-artiges Individuum wahrnehme, durchaus berechtigt an meiner Zurechnungsfähigkeit zweifeln.
Anberaumte Projektzeit zu vervierfachen ist noch nicht mal auf meinem Mist gewachsen.
Das Nähwochenende im Obenauf – immer ein wahr gewordener Pool – von wahr und eben nicht wahr gewordenen Wünschen, allesamt überpotente Väter der Gedanken beim Planen für das Wochenende, hat einen Haufen Frauen zusammen kommen lassen, die allesamt unter dem gleichen Syndrom leiden: Was geht sich in zwei Stunden aus?
Wer hier schon länger mitliest, kann sich – milde gestimmt – nicht mehr erinnern, die Gestrengen vermutlich schon, dass GENAU ICH  die überperfekt ausgetimte Mum werden wollte. Ich wollte jede Sekunde meines Lebens durchtakten, um hier oder da noch eben zwei Stunden herauszupressen, die ich mit einem Näh- oder Fitness- oder wasweißich-Projekt dann füllen wollte. Herrlich vier Jahre später zu sehen, was für – sorry – gequ… Sch… ich da verzapfe. Nun gut. Ein Beweis dafür, dass gegen die Geduld von Papier, das Internet quasi ein Zen-Buddhist ist. Allein, die Aufforderung das vergangene Jahr Revue passieren zu lassen – man möge den gestrigen Blogbeitrag sich in Erinnerung rufen (oder neu lesen): Nein danke. Bitte nicht. In zehn oder zwanzig Jahren möge mich die Altersmilde dieses Jahr als halt eines von vielen wahrnehmen lassen, aber mit frisch Erlebtem käme das der Aufforderung gleich, eine gerade überstandene langwierige Krankheit, deren Ausgang streckenweise ungewiss war, nun doch bitte noch einmal durch zu leben, um zu sehen, wo es Optimierungspotenzial gäbe. Ich hab den Sch… überstanden, ausreichend gelitten – und danke, nein, ich habe keine Ahnung wieso oder warum es soweit gekommen ist und ich weiß auch nicht, was das Leben mir damit sagen will und nein, ich glaube auch nicht, dass ich mir nicht genügend Zeit für meinen Körper genommen habe und nun so mich das Leben zwingt, mir Zeit für meine Krankheit zu nehmen. Eine besonders anmaßende Formulierung übrigens für z.B. Mütter kleiner Kinder. Und es gibt Mütter kleiner Kinder, die z.B. Krebs bekommen. Nein, frühere Dolores Wally, das pack mal lieber ein, lass es in 2014, dort ist es gut aufgehoben, kann niemanden mehr etwas tun und hoffe mal fest, dass niemand den Schwachsinn gelesen hat, der tatsächlich ernsthafte Gesundheitsprobleme hatte. Und wenn ja, dann möchte ich mich auf diesem Wege entschuldigen. Auch wenn diese vermutlich niemals ankommt. Aber vielleicht hat das vielzitierte Universum ja jetzt Gnade und trägt diese weiter.
Wie auch immer. Wenn – wer auch immer – mit oder ohne Kinder, krank oder gesund – sich mit zwei Stunden unverplanter Zeit wiederfindet, empfehle ich Ende 2018: Gar nix!

Selbstverständlich wäre ich nicht ich, wenn ich nicht doch noch meinen Senf dazu geben möchte:
Ein guter Kaffee und ein gutes Buch sind sicher nie eine schlechte Idee.
Ein Spaziergang kann Wunder wirken. Mit Betonung auf „kann“.
Ein Schläfchen WIRKT Wunder. An mir ausprobiert. Natürlich nicht zwei Stunden, weil das 1,47 mal mehr als die REM-Phase ist, und die ist… äh ich glaube waren das nicht 90 Minuten, aber sicher haben Sie schon eine App, die das ganz genau weiß. Mein Nachmittagsschläfchen darf 20 Minuten dauern.
Blöd aus dem Fenster schauen geht auch.
Selbstredend ist Surfen im Internet, insbesondere auf Social Media Kanälen abzulehnen. Schon allein weil das zum guten Ton gehört. Also das Ablehnen. Die am Horizont nun aufkeimende Frage, wer dann diesen Text lesen wird, verdränge ich mit Ellenbogentechnik.

Man könnte sich aber auch eingeladen fühlen, einen Rock zu nähen.
Den langsamsten Rock der Welt.
Ein Rock in 23 Tagen. Fertig am 24. Dezember.

Dann wäre heute Kontemplation das Thema:

Passt mir der Rock?
Also im Sinne von: Steht mir der Rock?
Trage ich überhaupt Röcke?
Möchte ich tatsächlich alle Tage der Adventszeit mit dem Nähen eines einzigen Rockes verbringen?
Wer hat so eine Schnapsidee?
Gibt es den Schnitt wo zum Runterladen?
Gibt es den Schnitt als Papierschnitt zu kaufen?
Gibt es den Rock fertig zu kaufen?
Gefüttert oder ungefüttert?
Was bedeutet bitte 2x die Länge?
Kann das jemand mal bitte auf Deutsch sagen?
Gibt es eine englische Anleitung?
Welcher Stoff überhaupt?

Also bei Licht betrachtet – oder wie oben empfohlen: bei quadruplierter Zeit bräuchte man allein für die wohlüberlegte Beantwortung dieser Fragen acht Stunden (2 h x 4).

Ob Ihnen der Rock passt, hängt sehr davon ab wie sehr Sie imstande sind ein Maßband um Ihre Taille zu legen und eine Zahl abzulegen. Im Zweifel lassen Sie das von jemand anderem mache. Legen Sie das Maßband ENG um Ihre Taille. Atmen muss noch gehen. Aber kalkulieren Sie NICHT die Weihnachtsgans und 17 Stollen ein.
Ob das Modell einem steht oder nicht, weiß man erst nachher. Wenn ich das, was mir auf den Straßen dieser Welt begegnet als Zeugnis sorgfältig ausgewählter Garderobe annehmen soll, erkläre ich die Frage für hinfällig. Kein Mensch weiß was einem steht, die meisten sind von den meistens falschen Annahmen felsenfest überzeugt. („ICHHH kann kein Gelb tragen..!“ „Mein Hintern ist sooo dick…“ – etwas was grundsätzlich nur von Frauen gedacht werden dürfte, die Modelmaße haben, während die, die sie nicht haben, meinen „Ich bin so, wie ich bin…“ und „Du darfst…“ als Aufforderung empfinden ihre Kurven in Stringtangas und Leggings gekonnt zur Schau zu stellen.) Also wenn er Ihnen gefällt, nähen sie ihn und ziehen sie ihn an. Kleiner Tipp am Rande – Verzeihen Sie mir, ich kann nicht anders: Wenn sie eine schmale Taille haben und ein Becken, wie es die Evolution sich nur wünscht, dann ist DAS der Rock für Sie. Wenn nicht: s.o.
Röcke sind seit wir Frauen sie nicht mehr tragen müssen, irgendwie zum Stiefkind geworden. Dabei geben sie einem herrlich Beinfreiheit wie kein anderes Kleidungsstück. Je nach Länge können sie wohlgeformte Beine ins rechte Licht rücken oder diskrete Hülle sein für jene, die eher unter dem Begriff „Sitzschönheit“ zu finden sind. Selbstverständlich wie oben: Ihre Wahl.
Wenn Sie zu den Unglücklichen gehören, die keine eigene zumindest Ecke fürs Nähen haben und den ganzen Krempel immer Her- und Wegräumen müssen, empfehle ich in der Tat bis nach Weihnachten zu warten, dann sind alle 23 Schritte bis zum Rock online und Sie können in einem durch ihr Röcklein fertig nähen. Vielleicht ist ein Abtauchen in nicht-verwandtschaftliche nicht-weihnachtliche Themen dann auch genau das Richtige das Sie brauchen. Allen anderen möchte ich nur ans Herz legen es zu probieren. Ich weiß es auch nicht. Aber ich habe die wage Idee, wenn ich die nächsten 22 Tage einmal pro Tag mich mit einer kleinen abgesteckten Aufgabe beschäftige, wo ich nicht vorauseilen kann, könnte das eventuell eine Art Meditation sein. Oder auch nicht. Aber auch das wissen wir erst nachher.
Ich trinke fast nie Schnaps. Mein Name ist Dolores Wally. Ich habe ein hartes Jahr fast hinter mich gebracht. Ich entwickle gerne Projekte. Ich bin notorisch schlecht im Zeitmanagement. Ich dachte mir, ein Rock in 24 Tagen ist ein nettes Projekt. Prost.
Den Schnitt gibt es morgen.
Nein, den Schnitt gibt es nicht als Papierschnitt zu kaufen.
Nein, den Rock gibt es nicht fertig zu kaufen.
Gefüttert ist cool. Also eigentlich das Gegenteil davon. Nämlich warm. Ein Pluspunkt im Winter. Und liefert die nötige Gleitschicht für die im Winter nötigen Strumpfhosen. Oder Leggings. Oder wasimmersieuntermrocktragen. Es liefert auch das nötige Volumen für die schöne Silhouette. Wenn Sie Angst vorm Füttern haben – denken Sie an die 22 Tage. Ministeps. Wenn Sie noch immer Angst davor haben. Lassen Sie es. Das Futter. Dann halt ungefüttert.
Ein Stoff hat eine bestimmte Breite. Als Europa noch die alte Welt und das Wort Globalisierung noch ungeboren war, gab es zwei Stoffbreiten: 90 cm und 140 cm. Bedingt durch gängige Webstuhlbreiten. Heute kommen die Angelsachsen und mit Ihnen die Inder. Und die Amis. Und überhaupt der Rest der Welt mit allen möglichen und unmöglichen Webstuhlbreiten.
Alte Gesetze alter Gewerbe lösen sich auf. Da macht das Schneidergewerbe keine Ausnahme. Aber bei einer Stoffbreite von irgendwas zwischen 100 und 150 cm bei einem Hüftumfang von irgendwas zwischen 90 und 120 ZWEI MAL die Rocklänge für einen weiten Rock einzukaufen ist noch immer kein Fehler. Für einen schmalen Rock empfiehlt diese Faustformel EIN MAL die Rocklänge. Nur so nebenbei erwähnt.
Ob das vorhin Gesagte Deutsch ist, müssen GermanistInnen beurteilen. Wenn ich irgendwo meine Muttersprache eintragen muss, schreibe ich Deutsch hin. I did my best.
Nein. Bilder werden mehr als Worte sagen. Den Rest sagt google translate.
Ich habe diesen Rock aus Baumwolle genäht. Aus Baumwollcord. Aus Leinen. Aus ganz dünner Baumwolle. Und der Stoff, den ich in den nächsten 22 Tagen mit Ihnen verarbeiten werde, ist eine etwas dickere Baumwolle. Gut. Ich denke, ich habe meine Statement gesagt. Baumwolle. Viskose geht selbstverständlich auch. Aber allein der Gedanke an rutschiger luftiger Viskose lässt mich nach der Strickjacke greifen. Viskos, wir sehen uns im Frühsommer wieder. Samt, ob aus Baumwolle oder nicht, würde ich jetzt auch nicht empfehlen. Dünne Kammgarnstoffe können interessant sein. Dickere Wollstoffe… nojo. Leder? Ein ganz dünnes? Jersey… hat für mich nicht diesen kontemplativen „ich nähe mir den Zen-Rock“Charakter, aber why not? Seide? Wildseide könnte grandios aussehen, fließende Seide? – siehe Viskose. Lieblingsstoff Nr. 1 der Instagram-Näherinnenwelt Double Gauze? Als Sommerrock Ja, ja, jaaaaa! Als Winterrock? Kriege ich schon beim Gedanken daran die Krise ob des Geklebes dieses Materials an den Beinkleidern. Und ob Double Gauze gefüttert gut kommt… hmmm, aber man möge mich eines besseren belehren.

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