See your sun

Noch immer.
Noch immer überfällt es mich.
Das Gefühl der Atmenot.
Des Schockzustandes.
Dabei ist es bald zwei Jahre her.
Kann man so lange am Tod eines Menschen rumkauen?

Ich habe gemerkt, dass ich gleich unmittelbar nach dem Tod meiner Mutter in eine Art Aktionismus geflüchtet bin.
Offenbar hat man einen guten Wächter in sich, der immer nur so viel zu lässt wie gerade möglich ist.
Und manchmal scheint das eigenhändige Renovieren eines Hauses viel leichter möglich als der Moment der Ruhe.

Deshalb zwinge ich mich nun nichts Großes zu tun.
Den Schmerz auszuhalten.
Ich möchte ihn durchgehen.
Durchaus nicht uneigennützig.
Es möge danach gut ruhen.

Aber so mittendrin.
Im Tsunami der Emotionen.
Ich habe schon einfachere Phasen im Leben gehabt.
Besonders schwierig finde ich die Aufspaltung zwischen der inneren Auseinandersetzung.
Mit mir.
Mit meiner Mutter.
Und dann wieder mit mir.
Und wieder mit ihr…
Und der äußeren realen Welt.
Der Partner meines Lebens an meiner Seite.
Der versteht.
Aber dennoch draußen ist.
Und meinen Kindern.
Die sich mit einer (mental) oft nicht präsenten Mutter rumschlagen dürfen.
Und dann wieder das Aushalten des Erkennens dieser Situation.
Und das nicht panisch werden darüber.
Und dann schon.
Eine Zwiebel ist dagegen in ihrer Vielschichtigkeit ein Duplo-Legostein.

Als kleiner, kleinster Nebeneffekt habe ich – glücklicherweise – wieder die HANDarbeit entdeckt.
Kleine Projekte, die wachsen dürfen.
Nichts was im Kopf schon bis ins letzte Detail durchdacht ist.
Sondern eine Annäherung.
Ein Stoff, ein Muster, das inspiriert.
Dann darf sich ein zweites dazugesellen.
Vielleicht noch eines.
Und immer wieder Zeit dazwischen.
Tage.
Nächte.
Und dann findet das Wort seinen Weg.
Und irgendwann alles zusammen.

Meine Kinder finden es schön.
Ich habe ihnen versucht zu erklären, dass jeder Mensch in sich eine Sonne trägt und man möge sie
erstens erkennen und
zweitens möglichst oft scheinen lassen.
Und drittens scheint sie manchmal eben aber auch nicht.
Aber man weiß, sie wird es wieder tun.
See your sun!

ps: vergessen zu erwähnen, aber durchaus wichtig:
alle Stofffuzelchen, die hier so schön zueinander gefunden haben, sind von Alex wunderbarem Stoffsalon: Vielen Dank liebe Alex, dass Du so schöne Dinge einkaufst, aus denen zu zaubern so zauberhafte Projekte ein Geschenk und eine Gnade ist!

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7 Kommentare
  1. M
    M sagte:

    Liebe Dolores,

    vielen Dank für den heutigen Beitrag! Ich fühle mich auch so… manchmal so abwesend gegenüber meinem Kind. Meine Mutter ist vier Tage vor Weihnachten gestorben (innerhalb von zwei Monaten nach der Diagnose). Es ging alles so schnell und bislang war keine Zeit und kein Raum für die Trauer da…

    Vielen Dank für diesen heutigen Beitrag, noch einmal! Ich fühle mit…

    LG
    M.

  2. martinaha
    martinaha sagte:

    liebe dolores,
    du schreibst so schön. ehrlich. authentisch. traurig. fröhlich.
    ich mag deinen blog.

    ja, man kann sich mal mehr, mal weniger gut arrangieren und es aushalten, oder eben nicht. meine mama ist nun schon bald zehn jahre als schutzengel an meiner seite (das stell ich mir immer so schön vor).
    zehn jahre sind eine lange zeit. manchmal weiß ich gar nicht mehr, wie sich das "in echt" mit ihr angefühlt hat. meistens kann ich es ganz gut wegstecken, dass sie nicht mehr da ist. manchmal tut es aber auch nach zehn jahren noch ganz schön weh und zieht mir (vorwiegend in der nacht in meinen träumen) kurz den boden unter den füßen weg. da wach ich auf und denk mir nur: wie? keine mama mehr da? mama tot? grad war sie doch noch da…
    es wird besser mit den jahren, aber ganz gut wird es nie.
    ist halt die mama.
    immer.

  3. Anonym
    Anonym sagte:

    Wenn alle sagen: "alles wird wieder gut" – dann schrei es aus: "nein, wird es eben nicht!"
    Ich sage: Leide! Leide so lange wie du willst! So lange wie dus brauchst! Wenn es heute "geht", muss es nicht heißen, dass es morgen "geht". Und weißt du was, es ist EGAL, ob es morgen noch geht oder nicht – es wird eben nie wieder so richtig gut werden. Man kann sich nur mit den Situation arrangieren. Und das geht – wie mit allem anderen – mal besser und mal weniger gut. Andere könnens vielleicht sagen – wenn dus nicht kannst, dann ist es halt so.
    Fühl dich gedrückt.

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